Humoriges

Von unverzeihlichen Drehbuchänderungen zu Weihnachten

 

Wir kennen das ja alle. Alle verbinden wir mit Weihnachten das Gleiche und doch nicht ganz. Weihnachten trägt in jeder Familie seine ganz eigene, teils schrullige, Handschrift. Das, was uns im nachhinein besonders rührt oder auch stört, wenn’s plötzlich von den eigenen Eltern weggelassen wurde. Da regredieren wir plötzlich alle. Ich weiß noch gut, als meine Mutter damals plötzlich nicht mehr die Schallplatte mit Wiener Sängerknaben-Weihnachtsliedern auflegte, sondern eine neue Weihnachts-CD, als damals der Plattenspieler hochkant rausgeworfen und stolz gegen einen CD-Player ersetzt worden war. Das war einschneidend, schmerzlich und in Wirklichkeit ein echter Skandal. Ich verstand die Welt nicht mehr. Ich verzog mich damals 9Jährigen-rebellisch in eine „sssooo singe ich bei Stille Nacht sicher nicht mit“-Haltung. Obwohl sich das Lied an sich ja nicht geändert hatte, aber jetzt sang es halt eine Band – womöglich die Kelly-family, ich weiß es nicht mehr genau – und nicht mehr DIE Wiener Sängerknaben, bei denen ich ohnehin von Jahr zu Jahr mehr Mühe gehabt hatte beim Mitsingen, die engelshohen Töne zu treffen. Aber wurscht. Da hat es uns beim Singen die zweigestrichenes-C-Tränen in die Augen getrieben und das hat gut getan. Ob die Tränen bei der ganzen Familie von der gesanglichen Anstrengung kamen, oder von der weihnachtlichen Rührung blieb unhinterfragt. Und dann haben wir uns leicht verlegen durch unsere Tränenschleier angesehen, nachdem wir in der Kleinstfamilie – Mutter-Vater-Kind das „Stille Nacht“, das „Oh du Fröhliche“ und dann noch das „Morgen Kinder wird’s was geben“ geträllert hatten. Letzteres ja DIE volle Enttäuschung und Weihnachtsthemenverfehlung aus Sicht eines österreichischen Kindes, das kein einziges Mal erleben durfte, dass am 25. morgens tatsächlich noch irgendein Weihnachtsmann irgendwelche Spuren oder sogar Geschenke hinterlassen hätte. Aber weggelassen hätte ich es dann auch nimma und gestern hab ich gestaunt, als ich im aktuellen mütterlich-adventlichen Tun den Kindern stegreif und ungeplant alle 3 Lieder auf der Blockflöte vorträllerte. Und das als alle-heiligen-Zeiten-Laienmusikerin. So tief eingraviert alles, dass ich notenfrei fast fehlerfrei durchspielte. Das nenn ich echte Prägung! Von ähnlich tiefen Weihnachtsprägungen wissen im Freundeskreis fast alle zu berichten, egal ob katholisch oder atheistisch gefeiert wurde. Sobald die Eltern, weil die Kinder eh schon „groß genug waren“, plötzlich und rücksichtslos das heilige Weihnachtsdrehbuch geändert hatten, war das heimelige Gefühl von „Wir und unser Weihnachten“ irritiert; der Weihnachtsfriede irgendwie angekratzt. Oder? In diesem Sinne bin ich gerade beides: froh und enttäuscht, dass unser kleines Mäuschen, das wir vor kurzem so heldinnenhaft im Haus eingefangen und bemuttert hatten, nun doch Weihnachten nicht bei uns sein wird. Die Kinder hatten sich’s schon so nett ausgemalt mit zwutschkikleinen, selbstgefalteten, sonnenblumenkernbefüllten Packerln für’s Mäuslein und so… Aber andererseits: dann hätten wir nächstes Jahr womöglich wieder eine Maus für Weihnachten fangen müssen, weil Kinder da ja so schnell abweichungsfreie Wiederholungen einfordern. Ach ja, genau. Leider und zu unser aller bitteren Enttäuschung, ist unser Wintergast-Mäuslein plötzlich fürchterlich dick geworden, was kurz noch in die kindlich-freudige Interpretation mündete „wir haben es sooo lecker gefüttert, dass es so blitzschnell zugenommen hat“ oder „wahrscheinlich kriegt es jeden Moment ganz fürchterlich viele Junge“. Da blieb mir nur die Möglichkeit zu entscheiden, welche Version ich den Kindern näherbringe. Die „Es ist uns entwischt… und lebt jetzt glücklich weiter“ oder die „Manchmal sind Lebewesen unerkannt sehr, sehr krank und sterben, ohne, dass wir ihnen noch helfen können!“ Ich habe mich für Letzteres entschieden. Und so war es dann auch. Leider. Freilich überlege ich jetzt, ob dieses jähe und zu frühe Ende des Mäuseabenteuers der Beginn eines neuen Kinderlebensabschnittes werden sollte. Tierhandllung, Hamsterkauf und so… Aber ich weiß noch nicht, welche message ich da jetzt als Mutter im Leben der Kinder setzen möchte. Man muss schon wirklich ständig viele Entscheidungen treffen als Mutter und Eltern! Und ich hab das Gefühl, je älter die Kinder werden, desto mehr. Freilich, auch immer mehr gemeinsame, mit allem dazugehörigen Abwägen, Diskutieren, Vereinbaren, Verträgeschließen, Versprechenbrechen, Konsequenzendiskutieren, … So ist das Leben, wenn wir es in unsere Familien reinlassen. Da frag ich mich manchmal, wie eine Familie deren Kinder von 8-17:00 fremdbetreut ist, das alles unterkriegt oder ob das bei denen einfach gar nicht auftaucht, weil womöglich eh keine Zeit dafür bleibt…? Ich möchte’s jedenfalls alles nicht missen, auch, wenn’s viel ist. Vor allem als Alleinerzieherin. So, aber jetzt erst mal Weihnachten feiern. Da werden wir eh mit der Abweichung „Baum“ zu kämpfen haben, weil wir unseren Baum erstmals nicht selbst ausgesucht haben. Ein ganz lieber Freund hat uns einen Christbaum geschenkt! Und der ist jetzt halt erstmals nicht selbstausgesucht dick und buschig, sondern zart, aufpäppelnswert… Doch geschenkter Gaul und so…

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